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Sollten Psychedelika Als Medizin Angesehen Werden?
7 min

Sollten Psychedelika Als Medizin Angesehen Werden?

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Psychedelische Drogen bringen uns an unglaubliche Orte und offenbaren uns Teile von uns selbst, die oft verschleiert sind. Viele sind sich einig, dass sie heilende Kräfte haben, aber sind dies auch ihre Haupteigenschaften? In diesem Artikel gehen wir der Frage nach, ob Psychedelika als "Medizin" angesehen werden sollten.

In weiten Teilen der Welt setzt sich die Erkenntnis durch, dass psychedelische Drogen medizinisches Potenzial haben. Während dieser Trend zunimmt, kommen diese Substanzen im Mainstream an und das sie umgebende Tabu löst sich auf.

Aber sollten Psychedelika in erster Linie als Arzneimittel betrachtet werden? In diesem Artikel werde ich argumentieren, dass Psychedelika zwar medizinisch eingesetzt werden können, ihr Potenzial aber weit über die bloße Heilung hinausgeht, und dass wir unsere Vorstellung dessen schmälern, was diese Substanzen sind und was sie leisten können, wenn wir sie nur als Arzneimittel betrachten.

Was ist Medizin?

Was Ist Medizin?

Der Begriff "Medizin" kann sich entweder auf eine Praktik oder eine Reihe von Praktiken beziehen, oder auf Substanzen, die zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden. Nachstehend zwei Definitionen.

Zunächst einmal kann sich Medizin auf die Praktik beziehen, eine Krankheit oder Verletzung zu behandeln – ein Arzt praktiziert also Medizin. Das Cambridge Dictionary definiert Medizin wie folgt: "die Behandlung von Krankheiten oder Verletzungen oder die Erforschung selbiger."

Alternativ kann sich Medizin auch auf eine Substanz beziehen, oft ein Medikament, das zur Behandlung einer bestimmten Krankheit oder zur Unterstützung der Genesung nach einer Verletzung genutzt wird. Das Cambridge Dictionary definiert Medizin in diesem Sinne wie folgt: "Eine Substanz, insbesondere in Form einer Flüssigkeit oder Pille, die zur Behandlung von Krankheiten oder Verletzungen genutzt wird".

Im weitesten Sinne kann Medizin auch die Erhaltung der Gesundheit und die Vorbeugung von Krankheiten oder Verletzungen umfassen, wodurch die Notwendigkeit einer Behandlung vermieden wird.

Medizin erfordert ein Problem

Unabhängig von der Definition stehen Medizin und medizinische Praktik notwendigerweise in Beziehung zu Krankheit und Verletzung – anders ausgedrückt, Problemen. Auch die Präventivmedizin versucht, eine gute Gesundheit zu erhalten, um Probleme zu vermeiden, bevor diese auftreten.

Deshalb sollte Medizin nur eingenommen oder praktiziert werden, um Probleme zu heilen oder ihnen vorzubeugen. Wenn es keine echten oder potenziellen Probleme gibt, ist die Medizin unnötig und manchmal sogar problematisch.

Was sind Psychedelika?

Was Sind Psychedelika?

Psychedelika sind eine Kategorie von psychotropen Substanzen, die eine bestimmte Reihe von Wirkungen haben. Der Begriff stammt aus einem Dialog zwischen Aldous Huxley und Humprey Osmond und wurde später von Osmond in einer wissenschaftlichen Arbeit geprägt. Etymologisch gesehen hat es zwei Teile (abgeleitet aus dem Altgriechischen):

  • psykhē: "Geist"
  • dēloun: "aufdecken" oder "sichtbar machen"

Aus diesen beiden Wörtern wurde der moderne Begriff "psychedelisch" gebildet, der grob übersetzt "Geistenthüller" bedeutet, was auf eine Substanz hindeutet, die die Fähigkeit hat, den eigenen Geist zu enthüllen, aufzudecken oder sichtbar zu machen.

Man kann also sagen, dass psychedelische Substanzen jedwede Drogen sind, die einer Person ungewöhnliche Klarheit und Einblicke in ihre eigene innere Welt verschaffen können. In der Regel wird dies so verstanden, dass das Ego abgespalten wird – der Teil des Verstandes, der Illusionen über das eigene Selbst erzeugt und uns unser Selbstempfinden vermittelt.

Hohe Dosen von Psychedelika können etwas bewirken, das als "Ego-Tod" bezeichnet wird, wobei das Ego vollständig verschwindet und die Person für eine gewisse Zeit ihr Selbstempfinden verliert. Diese Erlebnisse können von angenehm bis zu äußerst unangenehm reichen, werden aber von Individuen, die sie durchleben, aber allgemein als tiefgreifende und wichtige Ereignisse angesehen.

Ein weiteres gemeinsames Merkmal psychedelischer Substanzen ist, dass sie einen "Trip" auslösen, woraus die visuellen und akustischen "Fehlwahrnehmungen" resultieren. Für viele ist es diese Eigenschaft, die diese Substanzen am besten definiert. Das Einzigartige an diesen Substanzen ist jedoch die Erkenntnis, die sie dem Individuum selbst vermitteln, denn es gibt auch andere Substanzen, die bewirken können, dass Menschen halluzinieren, aber nicht psychedelisch sind.

Zu den psychedelischen Drogen gehören:

Sind Psychedelika Medizin?

Sind Psychedelika Medizin?

Sind Psychedelika also Medizin?

Vor allem in heutigen Konversationen wird häufig mit dem Begriff "psychedelische Medizin" um sich geworfen und viele Menschen bezeichnen Psychedelika als hauptsächlich oder sogar ausschließlich als Medizin.

Ich würde jedoch sagen, dass Psychedelika zwar durchaus einen medizinischen Wert haben, aber nicht in erster Linie als Medizin betrachtet werden, sondern in einer ganz eigenen Klasse stehen sollten.

Der folgende Abschnitt legt dar, warum.

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Der Wert von Spaß

Zunächst einmal wird Spaß in vielen modernen Kulturen völlig unterbewertet. In "The Sociology Of Fun" argumentiert Ben Fincham, dass Spaß ein Phänomen ist, das in unserer Gesellschaft eine paradoxe Stellung einnimmt (2017). Spaß wird in der Regel als überflüssig und unseriös angesehen, als etwas, das mit Faulheit, Freizeit und geringer Produktivität assoziiert wird. Dem ähnlich verstehen viele Spaß als eine der größten Freuden und als grundlegend für das Glücklichsein ist. Allerdings ist er ein Luxus, den wir uns in der Regel erst gönnen, wenn wir eine ordentliche Portion harter Zeiten hinter uns haben.

Die Gründe, warum Spaß derart unterbewertet wird, dass man ihn sogar als unwichtig erachtet, sind vielfältig und zu komplex, um sie hier zu erläutern. Für die Zwecke dieses Artikels gehen wir jedoch davon aus, dass Spaß an sich wertvoll ist.

Daran anschließend: Psychedelika machen (meistens) Spaß.

Dies ist der erste Grund, warum Psychedelika nicht nur als Medizin betrachtet werden sollten. Sie machen Spaß. Eine psychedelische Erfahrung ist aufregend; sie macht die Welt neu und besonders und sie gibt uns mehr Einblick in uns selbst.

In der Medizin ist dies meist nicht der Fall. Sie wehrt Probleme ab oder hilft uns, uns von ihnen zu erholen. Die Einnahme von Medikamenten ist nicht von Natur aus mit Spaß verbunden. Die meisten von uns möchten keine Medikamente einnehmen und tun es nur, wenn wir etwas heilen oder behandeln wollen.

Nun können Psychedelika auf diese Weise verwendet werden, doch viele entscheiden sich dazu, sie auch dann zu nehmen, wenn sie völlig gesund sind – nicht zu medizinischen Zwecken, sondern einfach zum Spaß.

Psychedelika bieten mehr als nur Heilung

Daraus folgt, dass psychedelische Substanzen ein weitaus größeres Potenzial haben, als nur zu heilen.

Die Medizin bringt uns in einen Zustand zurück, der als "normal" und gesund gilt. Die Praktik eine Medizin zu nutzen, zielt darauf ab, einen "normalen" Gesundheitszustand wiederherzustellen oder zu erhalten oder die negativen Auswirkungen einer Krankheit zu lindern.

Medizin zielt nicht darauf ab, uns nicht über einen normalen, nüchternen Zustand hinaus zu bringen. Aber genau dies ist es, was Psychedelika tun. Und dies ist nicht nur was sie tun, es ist auch eher der Grund, warum die meisten Menschen sie nehmen, als etwa eine Nebenwirkung.

Ein völlig gesunder Mensch, der glücklich und zufrieden mit seinem Leben ist, kann trotzdem Nutzen aus der psychedelischen Erfahrung ziehen und sich an ihr erfreuen. Selbiges kann man von Medikamenten nicht behaupten. Medikamente könnten vielleicht einen präventiven Wert für diese Person haben, aber sie würden ihr Leben nicht umgehend verbessern.

Das soll nicht heißen, dass alle Menschen, ob gesund und glücklich oder nicht, psychedelische Drogen nehmen können und sollten, sondern nur, dass gesunde und glückliche Menschen einen gewissen – oft großen – Nutzen in ihnen sehen.

Dies knüpft an den vorherigen Punkt an, denn auch die glücklichsten und gesündesten Menschen können von einer lustigen, aufschlussreichen oder neuartigen Erfahrung profitieren. Und zwar nicht, weil diese Erfahrungen eine Art von Heilung bieten, sondern weil sie den Wert des Lebens eines Menschen erhöhen, egal wie wertvoll es bereits sein mag.

Medizin versucht, eine Person auf den Ausgangszustand zurückzubringen, um Negativität zu beseitigen; Psychedelika können eine Person über diesen Punkt hinaus bringen.

Trippen

Der Grund, warum Psychedelika Spaß machen und über die Heilung hinaus einen Wert haben, ist, dass sie uns zum Trippen bringen. In diesem Sinne umfasst das Trippen sowohl die bewusstseinsverändernden Elemente des Rausches als auch die Wahrnehmungsveränderungen, die man unter dem Einfluss dieser Substanzen erlebt.

Egal, ob Du Trippen als mystische Erfahrung oder einfach als einen ungewöhnlichen und veränderten Gehirnzustand ansiehst: nur wenige, die es – unter den richtigen Bedingungen – erleben, denken im Nachhinein schlecht darüber.

Trips können zwar einen medizinischen Wert haben, aber sie nur auf eine medizinische Erfahrung zu reduzieren oder sie nur als Nebenwirkung einer Substanz zu betrachten, die einen medizinischen Wert hat, verfehlt den Sinn der Sache definitiv gewaltig.

Der psychedelische Zustand ist ein seltener und besonderer Ort, den wir nur mit sehr wenigen Substanzen betreten können, und er hat einen hohen Wert an sich.

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Psychedelika als Medizin

Gleichwohl können Psychedelika sehr wohl auch einen medizinischen Wert haben!

Studien zeigen, dass psychedelische Drogen ein gewaltiges Potenzial haben, die Behandlung aller möglichen Krankheiten zu unterstützen, vor allem solcher psychischer Natur, einschließlich Abhängigkeit.

Psychedelische Drogen gegen Depression

Ein Bereich, in dem sich Psychedelika als besonders vielversprechend erwiesen haben, ist die Behandlung von Depression. Eine Studie an der Johns Hopkins University ergab, dass die Mehrheit der Teilnehmer die antidepressive Wirkung von Psilocybin sogar noch 12 Monate nach der Behandlung spürte (Gukasyan, Davis und Griffiths, 2022). Es ist jedoch anzumerken, dass diese Studie nur 27 Teilnehmer umfasste und daher zu klein ist, um daraus einen generellen Schluss zu ziehen. In Kombination mit anderen Untersuchungen scheint diese Tendenz jedoch konsistent zu sein.

Wie sich Psychedelika auf Depression auswirken können, verbleibt unklar. Es gibt viele mögliche Erklärungen. Zum einen können die bewusstseinsaufdeckenden Wirkungen dieser Substanzen, insbesondere in Verbindung mit einer Psychotherapie, Menschen helfen, alte Muster zu erkennen und zu durchbrechen und sich Problemen zu stellen, die sie normalerweise nicht bewältigen können oder wollen. Auf körperlicher Ebene ist noch vieles unbekannt. Eine Theorie besagt, dass psychedelische Drogen an den 5-Hydroxytryptamin-2A-Rezeptor (5-HT2AR) binden und so die neuronale Plastizität erhöhen (Vargas, 2023). Neurotransmitter wie Serotonin binden ebenfalls an diese Rezeptoren, scheinen die Neuroplastizität aber nicht zu erhöhen.

Das Besondere an diesen Drogen scheint zu sein, dass sie die Zellmembran durchdringen und in die Neuronen eindringen können, statt nur an die Rezeptoren zu binden. Die oben genannten Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass, wenn Verbindungen die Zellmembran passierten, dies mit einer Erhöhung der Neuroplastizität einherging.

Psychedelika bei Suchterkrankungen

Psychedelika werden auch auf ihre potenzielle Rolle bei der Behandlung und Bewältigung von Suchterkrankungen untersucht.

Es ist nicht sicher, wie sie helfen könnten, aber es wird vermutet, dass die Mechanismen ähnlich sein könnten wie bei Depression – indem sie die Neuroplastizität erhöhen. Außerdem wird vermutet, dass Veränderungen in der Vernetzung des Gehirns, in der Belohnungs- und Emotionsverarbeitung, in der sozialen Verbundenheit, in der Erkenntnis und in mystischen Erfahrungen wichtig sind, um Menschen zu helfen, ihre Beziehung zu suchterzeugenden Substanzen zu verändern (Rieser, Herdener und Preller, 2022).

Psychedelika: medizinisch, aber so viel mehr

Psychedelika: Medizinisch, Aber So Viel Mehr

Es ist klar, dass Psychedelika eine Rolle in der Medizin spielen, und dass sie unter bestimmten Umständen als Arzneimittel eingesetzt werden können. Sie in erster Linie oder ausschließlich als Arzneimittel zu betrachten, wäre jedoch zu kurz gegriffen, denn sie bieten weit mehr als nur die Kraft zu heilen.

Medikamente behandeln oder verhindern Probleme und zielen darauf ab, den normalen Gesundheitszustand einer Person wiederherzustellen. In bestimmten Fällen scheinen Psychedelika auch hierzu in der Lage zu sein, aber damit endet ihr Wert noch nicht. Vielmehr können diese Substanzen Menschen helfen, sich über ein normales, gesundes Niveau zu erheben und aufschlussreiche und tiefgründige neue Erfahrungen zu machen. Auf diese Weise unterscheiden sie sich völlig von der Medizin und sollten daher in erster Linie für sich genommen, und erst dann auch als Medizin betrachtet werden.

Max Sargent
Max Sargent
Max schreibt seit über einem Jahrzehnt und ist in den letzten paar Jahren in den Cannabis- und Psychedelika-Journalismus eingestiegen. Durch seine Arbeit für Unternehmen wie Zamnesia, Royal Queen Seeds, Cannaconnection, Gorilla Seeds, MushMagic und viele mehr hat er in der Branche umfassende Erfahrung gesammelt.
Quellen
  • MAXEMILIANO V. VARGAS. (16 Feb 2023). Psychedelics promote neuroplasticity through the activation of intracellular 5-HT2A receptors - https://www.science.org
  • Natalie Gukasyan. (February 15, 2022). Efficacy and safety of psilocybin-assisted treatment for major depressive disorder: Prospective 12-month follow-up - https://journals.sagepub.com
  • Rieser, Nathalie M., Herdener, Marcus, Preller, & Katrin H. (2021). Psychedelic-Assisted Therapy for Substance Use Disorders and Potential Mechanisms of Action - https://link.springer.com
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