Die verhängnisvolle Schießerei in Christiania und die Zukunft des Cannabis in Kopenhagen

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Kategorien : BlogCannabisEuropaKunst & Kultur

Die verhängnisvolle Schießerei in Christiania und die Zukunft des Cannabis in Kopenhagen

Nach einer Schießerei zwischen einem stadtbekannten Drogendealer und Polizeibeamten in Christiania, Dänemark, haben dem Cannabis wohlgesonnene Anwohner sich dazu entschlossen, dass der unregulierte Drogenhandel in ihrem Wohngebiet ein Ende finden muss.

Die „Pusher Street" in Christiania, ein halb-autonomer Cannabis-Hippie-Hafen in der Mitte von Kopenhagen, kämpft nun um seine Identität als eine der Cannabis-freundlichsten Enklaven in den europäischen Städten neben Amsterdam.

Am 31. August hat ein stadtbekannter Dealer ein Blutbad angerichtet, nachdem die Polizei versuchte ihn zu verhaften. Er hat drei Menschen verletzt, darunter auch zwei Polizisten. Er selbst erlag seinen Verletzungen in einem örtlichen Krankenhaus, nach einer Schießerei vor seiner letztendlichen Festnahme. In unmittelbarer Folge haben die Anwohner die Hütten und Buden niedergerissen, die zu einem normalen Bestandteil der durch die von Christiania akzeptierte Drogenkultur geworden waren und in einem hochprofitablen, weitläufig bekannten, wenn nicht sogar absolut legitimen Hasch- und Cannabismarkt resultierten.

DIE CANNABIS-FREUNDLICHE „FREIE" GEMEINSCHAFT

Vor ungefähr 40 Jahren hat sich durch die Bewohner eines Viertels, die den anderen Stadtbewohnern oft Hasch und Cannabis verkauften, sowie durch eine stetig wachsende Anzahl an Touristen von außerhalb, eine nachbarschaftliche Gegend entwickelt, die unter dem Namen „Pusher Street" bekannt wurde. Dies führte dazu, dass die „Stadens" (Stadt) - wie sie von den Einheimischen genannt wird - zu Kopenhagen's viertbeliebtestem Touristenziel wurde und jedes Jahr eine halbe Million Besucher anzog. Die Gegend war ursprünglich eine verlassene Militäranlage, wurde im Jahr 1971 aber von Hausbesetzern wieder mit Leben gefüllt. Seit 1989 wird das Viertel durch das sog. Christiania Gesetz geregelt, das viele Befugnisse von der Gemeinde Kopenhagen auf den Staat überträgt, in dessen Besitztum die ehemalige Kaserne ist. In diesem Refugium wurde der Verkauf von Cannabis akzeptiert und der Handel begann zu florieren.

Nach Schätzungen der Polizei generiert der „freie" Umgang der Anwohner mit Cannabis und der daraus resultierende Verkauf von Hasch und Cannabis in kleinen Buden eine Summe von 150 Millionen Dollar pro Jahr. Über eine lange Zeit hinweg war diese Gegend ein freundlicher und einzigartiger Ort. Allerdings haben sich in jüngster Zeit Dealer von außerhalb und das organisierte Verbrechen das Territorium mehr und mehr zu eigen gemacht und dabei die liberale Herangehensweise der freien Gemeinschaft an Cannabis und Haschisch ausgenutzt. Als Konsequenz aus der Schießerei haben jedoch einige Anwohner ihre Meinung über den Drogenhandel inmitten ihrer Nachbarschaft geändert, obwohl sie die Legalisierung von Cannabis weiterhin mit Nachdruck befürworten.

„Lassen Sie mich eines klarstellen: Christiania ist immer noch für die Legalisierung von Cannabis," sagt die Sprecherin des Viertels, Risenga Manghezi. „Aber in der jetzigen Situation, mit ständig wachsender Gewalt, wollen wir das hier nicht mehr haben."

In einer Presseveröffentlichung drückten Anwohner die gleichen Gefühle aus: „Christiania kann nicht die Verantwortung für die Beherbergung des gesamten Cannabishandels in Dänemark übernehmen," schrieben diese. „Wir können die Buden entfernen, aber wir können nicht versichern, dass sie nicht wiederkommen. Dafür brauchen wir die volle Unterstützung von ganz Dänemark. Wer Christiania unterstützen will, muss aufhören hier Cannabis zu kaufen."

DIE ZUKUNFT DER LEGALISIERUNG IN EUROPA

Die europäischen Länder, wie auch die USA, Kanada und Australien, befinden sich inmitten einer hitzigen Debatte über die Legalisierung von Cannabis und darüber, zu welchen Zwecken es genutzt werden darf. Die Legalisierung zu medizinischen Zwecken scheint, im Gegensatz zur Legalisierung des Konsums als Genussmittel, in der EU mehr Akzeptanz zu finden, jedenfalls auf kurze Sicht. Von Deutschland wird die Führungsrolle in der Integration des medizinischen Gebrauchs von Cannabis in die Gesundheitssysteme erwartet, es scheint jedoch momentan sehr unwahrscheinlich, dass Deutschland in näherer Zukunft auch Reformen zur Legalisierung als Genussmittel voranbringen wird. Auch auf Länderebene scheint man mit dieser Herangehensweise zufrieden zu sein, auch wenn mindestens vier Städte, darunter Bremen und Berlin, von Bürgermeistern regiert werden, die eine Legalisierung befürworten und Diskussionen darüber anstoßen.

Tatsächlich lassen zivilgesellschaftliche Vertreter in ganz Europa die Diskussion nicht abebben. Die Legalisierung und Regulierung des Markts wird auf manche Art und Weise auch oftmals von der Polizei befürwortet, die frustriert ist durch die zahllosen und oft erfolglosen Versuche, den mobilen Drogenhandel zu unterbinden und Dealer zu stoppen - welche nach Ihrer Festnahme meist unmittelbar wieder auf der Straße auftauchen oder durch andere ersetzt werden.

In Dänemark liegen jegliche Reformen im Bereich der bundesstaatlichen Regierung und die nationalen Vertreter zeigen sich erstaunlich resistent gegenüber möglichen Änderungen der Drogengesetze, trotz der Geschehnisse und den Diskussionen in lokalen Gemeinden und im Rest der Welt. Dies wird noch komplizierter aufgrund der Tragweite einiger Stimmen aus Brüssel. Als Mitglied des europäischen Parlaments hat die ehemalige dänische Premierministerin Helle Thorne-Schmidt die Legalisierung von Cannabis in Form eines der Erholung dienenden Systems (Eine Art Coffee Shop Struktur, ähnlich wie in den Niederlanden) befürwortet, bevor sie in der nationalen Behörde eine Kehrtwende vollzog.

Während Änderungen in der Politik in Kopenhagen in Folge der Schießerei in Christiania nun unmöglich vorherzusagen sind, steht auch fest, dass das Thema der Legalisierung von Cannabis in der nächsten Zeit weiter präsent bleiben wird. In Europa und auch sonst wo. Selbst die belagerten Anwohner in Christiania sind die Ersten, die dies zugeben.

LEHREN AUS DEN USA?

Das amerikanische Modell der staatlichen Legalisierung wird manchmal als Vorreiter für ähnliche Reformen in Europa hervorgehoben, auch wenn es noch keine vorliegenden oder fertigen Entwürfe gibt. In jedem US-Bundesstaat ging der Legalisierung von Cannabis als Genussmittel eine medizinische Reform voraus, in jedem einzelnen Fall. Der Unterschied in Europa ist die Existenz von extrem liberalen (im Sinne von offen, freiheitlich, tolerant) Enklaven. Von Spanien bis Deutschland haben immer wieder superliberale Gruppen dafür gekämpft, unabhängige Gemeinden zu gründen, in welchen Drogenkonsum und -handel, wenn auch nicht absolut befürwortet, so jedoch von den Bewohnern toleriert wird. Der Kampf gegen Drogen wurde in Europa auch nie so gezielt und umfassend ausgefochten und darüber hinaus sind die staatlichen Gesundheits- und Sozialsysteme sehr viel stärker.

Als Resultat dessen bleiben die Entwicklungen in Europa womöglich ein bizarres Flickwerk aus Reformen und Repressionen, obwohl die Frage nach dem medizinischen Nutzen, wie in den USA, ein immer näher rückender grüner Elefant in jedem gesetzgebenden „Wohnzimmer" ist. Sobald eine Legalisierung auf föderaler Ebene erfolgt, ist der Schritt hin zu systematischen Strukturen für die Legalisierung als Genussmittel nicht mehr weit und wird wohl auch schnell vollzogen werden.

 

         
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